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Neben der Installation von Rebekka Ruetz gab es zwei weitere Show-Präsentationen, welche die zeitgenössische Ausdrucksform in Raum und Ort zur Darstellung nutzten. Auffällig ist damit die Annahme und gleichzeitig Inspiration aus der bildenden Kunst. Der klassische Catwalk, der Ort des Defileé, auf dem die neuesten Kollektionen der Labels präsentiert werden, zeichnet sich durch das Hin- und Rücklaufen der Models ab. Mit dieser Tradition hat sich der Gedanke an die Mode in unsere Köpfe eingenistet.

Doch Mode will nicht einfach nur mehr Mode sein, scheint es. Während der Inhalt der zeitgenössischen Kunst zumeist untergehen zu droht, verschwimmen die Grenzen. Doch kann Mode mit Kunst gleichgesetzt werden, indem es die Darstellungsform adaptiert? Augustin Teboul und Lala Berlin haben sich jedenfalls für ihre Frühjahrs-Sommerkollektion 2012 gegen das Podest des Catwalks entschieden.

Die Jungdesigner von Augustin Teboul beeindruckten mit einer theatralisch inszenierten Installation zu der Musik von “Dreams Are My Reality”. Surreal, die eigene unvorstellbare Wahrheit, wurde im ehemaligen Pferdestall der Bötzow-Brauerei in Berlin Mitte zum Schauplatz für alle Sinne. Gotische Kleidung, die sich zu diesem Stil mit netzartigen Strumpfhosen, transparentem Stoff und Leder erschloss, galt als beeindruckendes Element, indem elf Figuren sich verloren in der eigenen Welt bewegten.

Annelie Augustin und Odély Teboul haben mir im großartigsten Interview-Raum überhaupt erzählt, dass sie drei Monate lang bei Kaffee am Morgen ihre Träume niedergeschrieben haben. Der Raum, indem die Gespräche mit den Ausnahmetalenten geführt wurden, bestand aus vielen Objekten ihrer gemeinsamen Wohnung und war damit ein Kunstwerk für sich. Mode ist in dieser Präsentation auf künstlerisch natürliche Art zu surrealer Kunst im Sinne der großartigen Franzosen unter dem literarischen Gedanken „Life is a dream. ‘Tis waking that kills us.“ der avantgardistischen Schriftstellerin Virgina Woolf verschmolzen.

Lala Berlin hingegen ließ die Models starr und in die Leere blickend versetzt die eigenen Kreationen präsentieren. Der Wechsel zwischen klassicher und poppiger Musik, welches mit eingeworfenem Licht begleitet wurde, schien das Profil des Labels zu unterstreichen. Interessant war die Konstellation, die sich durch Farbblöcke zu einer Komposition mit Struktur erschloß. Die Rauminszenierung, welche von der Künstlerin Vanessa Beecrofts inspiriert ist, wurde zu einer museenartigen Präsentation. Von klaren Linien in weißen Stoffen, Tulpenformen- und Farben, Prints in Grüntönen war das Publikum, unter dem sich auch Heike Makatsch sehen ließ, begeistert und bestaunte im Austellungsraum jedes einzelne Teil wie ein Kunstwerk aus Stoff.

Während ich von der Art der Präsentation von Augutin Teboul sehr stark beeindruckt war, gefiel mir bei Lala Berlin viel mehr die Kleidung. Beides zu einem Ideal, einer höheren Form, zu kombinieren und entwerfen ist utopisch, doch die Idee und Verwirklichung dieser Inspiration schafft damit ein neue Periode in der Geschichte der Ästhetik.

Aber Kunst ist eben Kunst, ihr kommt niemand nahe. Denn Kunst hat Inhalt, sie ist das Dokument der fortschreitenden Zeit. Kleidung hingegen ist das, was von jeder eigenen Kultur in der Gesellschaft getragen wird. Mode, das saisonbedingte Konsumgut schlechthin, darf und muss nicht den Anspruch haben, sich mit der Kunst gleichzusetzen. Tiefsinn, Innovation, und Erkennungswert muss die Arbeit eines Künstlers ebenfalls in sich halten. Wer es dabei schafft, die dominierenden Themen der Gesellschaft als Akteur und Zeitzeuge zugleich zu be- und verarbeiten, wird sich allemal einen Namen in der Geschichte machen. Die Geschichten sind zwei verschiedene.

Die Loveaffair zwischen Kunst und Mode gibt es nur im echten Leben, auf der Straße, nicht auf dem Podest. Und wenn sie durch Menschen mit Persönlichkeit und Sinn für Ästhetik, der sich im Kleidungsstil äußert, zum Ausdruck kommt, dann lasst uns alles dafür tun, um diese Affäre nicht zu beenden. Denn Mode ist das, was Kunst tragen kann, nämlich Inhalt. Und der stammt immer aus Menschen.

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