Auf meiner Schule gab es einen Jungen. Er war ein paar Klassen unter mir. Obwohl ich noch nie ein Wort mit ihm gewechselt hatte, sprach ich ihn eines Tages an, als er mal wieder alleine herum saß. Er trug eine College-Jacke, jeden Tag. Ich nehme an, er trägt sie auch heute noch. Sie ist rot mit weißen Ärmeln und einem Buchstaben an der rechten Brust, sehr klassisch.
Sein Haar trägt er zurückgegelt, weil er ein großer Fan von Johnny Cash und der amerikanischen Kultur ist, wie er mir damals verriet. Eigentlich war er immer ein Außenseiter. Wir alle kennen einen in unserem Leben, denn diese Rolle ist eine der Rollen, die immer besetzt sind. Manchmal von uns, manchmal von anderen. Manchmal kurzzeitig, manchmal ein Leben lang.
Heute sehe ich sie auch, die College-Jacke. Sie gleicht denen der Baseballer aus den verfilmtem amerikanischen Teenie-Daseins eins zu eins. Sie wird zu Jeans und Sneakers in Frankfurt getragen, selbst zu einem Maxi-Rock aus Chiffon in Berlin, New York, London und bestimmt auch sonst in jedem unbedeutenden kleinen Ort, ohne zu wissen, wer wie was warum. Ästhetisch? Letzteres ist Stilbruch, genau. Aber wem fällt das schon auf? Ist ja in der Vogue und in der Glamour. Aber das ist sie, die Mode von heute: Stillos.
Schon längst eine neue Rubrik wert, denn sie ist überall auf den Straßen der Welt zu sehen. Den Shalvar gab es, auch den Kimono, oder die Tunika, oder das Kopftuch. Und wenn ich nicht im Gestern hängengeblieben bin, weil es mir zeitlich etwas schwer fällt, „Trends“ zu verfolgen, werden auch die „Key-Teile“ der Sechziger heute sehr gern getragen. Weiß einer überhaupt, warum die Menschen das anzogen? Kommt einer auf die Idee, dass das mit Sitten, Gebräuchen, Normen, ja gar mit Moral zusammenhängt?
Welcher dieser Modemenschen kann heute noch sagen, dass er sich am Morgen das oder jenes übergezogen hat, weil es ihm aus dem Schrank ins Auge stach? Weil es ihm wirklich gefiel? Die wenigsten. Denn diese Stillosigkeit ist das Resultat der Konsumgesellschaft, die vom Markt beherrscht und den Medien manipuliert wird. Was waren Werte noch gleich? Sind das denn nicht die Preise?

Es ist die Uniformierung der kollektiven Masse. Nicht nur der „Hipster“. Es sind so viele andere Kategorien, die in billigen Zeitschriften einfließen: „Romantic-Look“, „minimalistisch, „avantgardistisch“, „surreal“ „Barock“ „Roccoco”. Da bedient man sich der Kunst, klaut Worte, ohne sie zu verstehen. Nur ist Kunst sehr viel mehr als nur „schön“ aussehen. Heutzutage kann man selbst sophisticated aussehen, ohne es zu sein. Wer ist mit 20 schon weise? Stil jedenfalls scheint nie in Mode gewesen zu sein.
Wie würde man Ären später die ersten zehn Jahre des 2. Jahrtausends modisch zusammenfassen, epochal. Ja, und wie sieht die Zukunft aus? Wird es eine Re-Renaissance geben? Als schön und unschön wird bezeichnet, was Hochglanzmagazine bis Boulevardzeitungen prophezeien. Aber dahinter steht keine Aufrichtigkeit, kein Purismus, nein, es sind Worte, die aus dem Munde geldgeiler Leute kommen und zum Opfer dieser Einfallslosigkeit unkreativer Entscheider und dirigierender Modemagazine werden Frauen ohne Persönlichkeit. Und Männer.
Gruppenzugehörigkeit ist schön und gut. Aber wer hat Angst vorm schwarzen Mann? Niemand. Und wer hat Angst vor sich selbst? Viel zu viele. Mit Kleidung kann man das eigene Ich, das Individuum unterstreichen, man kann es aber auch verleugnen und maskieren, der Persönlichkeit eine neue Identität verschaffen. Ja „Kleider machen Leute“ heißt es. Man kann aussehen wie ein Rockstar, ein Schriftsteller, eine Schauspielerin, ein Koch, ein Maler. Für ganz wenig Geld. Nicht weil man einer ist, sondern es verdammt geil und günstig ist. Mode ist Zeitgeist.
Doch heute ist Kleidung auf dem Leib der Menschen nur die Ableitung des Konsums und der erfolgreichen Vermarktung. Der deutsche Begriff Mode gefällt nicht, denn zwar leitet er sich von Moderne im Kontext der Gesellschaft ab, doch hat die heutige Mode damit schon längst nichts mehr zu tun. Wir möchten in Kleidung Menschen sehen, die dieser eine völlig neue Bedeutung geben.
Wie Marilyn, wie Madonna, wie Marlene, wie Sophia, wie Simone. Die Stilikonen unserer heutigen Zeit sind Frauen aus der Show-Branche, die sich den Stil einer Stylistin kaufen. Eine Stilikone ist Marilyn. Das Wort Ikone. Es wurde leider nicht verstanden, wie so viele andere Worte auch. Typische Modemenschen sind eben keine Sprachwissenschaftler.
Das neue Wertesystem huldigt Geld als Priorität. Und um diese auszuleben, muss er konsumieren, sonst funktioniert das System nicht. Was fehlt ist Mut. Mut zu sich selbst zu stehen. Und Unabhängigkeit von dem, was alle Welt in den Medien sagt und die Unabhängigkeit, die Freiheit schafft. Anders sein braucht eine neue Definition.
Den Mut zu besitzen, sich selbst zu zeigen. Zur Schau stellen, wer man ist und was einem selbst gefällt. Aber diese Erscheinung der Mode ist wohl sicher auch nicht ganz neu. Es schien schon immer das Problem der Allgemeinheit zu sein, den eigenen Willen durchzusetzen. Purer Fatalismus. Nur leider findet die Masse der modernen Mode mehr Anhänger denn je.

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http://www.amypink.com/2011/09/mode-der-moderne-was-fehlt-ist-der-mut/

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