Als Steve Jobs sein Lebenswerk begann, war er kaum älter als ich heute. Er hat die Welt revolutioniert, wie Michelle Obama sagt “Steve gehörte zu den größten amerikanischen Erfindern – mutig genug, anders zu denken; kühn genug zu glauben, er könnte die Welt verändern; und talentiert genug, das dann auch zu tun.” Jobs habe “das Internet in unsere Taschen gesteckt”. Aber die Gleichsetzung mit “Mozart oder Picasso” ist der Denkzug eines Größenwahnsinnigen, wer auch immer das über ihn gesagt haben soll. Gutes ergonomisches Design, was die Masse anspricht, weder Unikat ist noch Ziel der Offenbarung verfolgt, wird erneut von den Unwissenden gekrönt. Mit Kunst hat das, was Steve Jobs getan hat, leider kaum etwas zu tun.

Und schon im nächsten Spiegel Artikel wird er als Philosoph bezeichnet. Die Gleichsetzung eines i-Philosophen mit Nietzsche und Marc Aurel ist mehr als anmaßend – auch all den anderen wahren Philosophen gegenüber. In seiner Rede von Stanford gibt er den Zuhörern Ratschläge für das Leben. Dass man ihn als “größten praktischen Philosophen unserer Zeit” im Spiegel Online bezeichnet, spiegelt mal wieder den Verlust zur Realität der modernen Gesellschaft. Oder vielleicht sogar noch eher die Wertlosigkeit dieser Gesellschaft.
Die Ratschläge, die Jobs gibt, nehme ich gerne an, für mich und mein Leben. Aber ein Philosoph spricht über das Leben und nicht den Menschen des Elfenbeinturms. Und zum Leben gehören eben auch die Mitmenschen. Wie hat man sich ihnen gegenüber zu verhalten, um den Status einer friedvollen Gesellschaft zu erreichen, nachdem wir alle streben (sollten)? Diese und viele Fragen beantwortet er nicht. Das scheint er wohl nicht zu wissen. Und die Medien scheinen wieder gekonnt zu ignorieren.
Denn Apple profitiert vom Konsumverhalten der Menschen, von Lifestyle und Trends, vom Geschmack und den Prioritäten des Zeitgeistes. Wie sonst könnte man einen Umsatz in Höhe von “gut sieben Milliarden US-Dollar im Quartal” erzielen? Ja die Philosophie Apples ist das I, ich im Zentrum, der Markt entpuppt sich als wahre Liebe, die durch Nehmen und Geben funktioniert. Die Devise lautet: “Ich gebe dir Geld, und du gibst mir ein Ich.” Das allein ist die Philosophie des “I”. Apple hat es geschafft, dem Ich eine völlig neue Bedeutung zu geben. Unsere Gesellschaft ist geprägt von denen, die das Ziel haben individuell zu sein, und darin untergehen in der kollektiven Masse, deren Träume aneinander gleichen, wie eineiige Zwillinge ohne Seele.
Und es scheint kaum möglich, jegliche Kritik zu äußern, um den Menschen bewusst zu machen, dass ihre Entscheidung Konsequenzen trägt. Fehler möchte keiner einsehen. Aber was noch schlimmer ist: Das moderne Leben holt sich jeden, bis es auch dich hat, denn wir werden regelrecht verführt. Und weil wir immer mehr angeboten bekommen, scheint es immer und immer schwieriger jeden Tag auf den Deal des Lebens nicht einzuschlagen.
Noch vor wenigen Tagen berichtet die taz von iSklaven, die Iphones produzieren. Sie werden zu unseren Sklaven und wir zu den Sklaven der Produkte. Was Steve Jobs mitgibt, ist an den Menschen der modernen Welt gerichtet. Gebe es das demokrakitsche Internet nicht, wäre es sogar nur an die elitären Absolventen Stanfords gerichtet. Hat er denn auch etwas den Menschen zu sagen, die nicht den Luxus der Freiheit genießen, weil sie nicht einmal etwas zu essen haben?
Was würde Steve Jobs seinen iSklaven erzählen, die tagelang am Band arbeiten für Geld, mit dem sie nicht einmal ihre Kinder ernähren können? Das Schicksal des zur Adoption freigegebenen Jungen scheint noch so treffend zu sein. Doch während es seiner Mutter darum ging, ein Kind zu haben, dessen Eltern einen Abschluss haben, lässt er Menschen für sich arbeiten, die Kinder auf die Welt setzen, aber nicht einmal ernähren können. “Du musst dich selbst verwirklichen mit der Arbeit, die du liebst.” Erzähl das mal jemandem, der für 157 Euro im Monat zu arbeiten hat.
Seine Ratschläge sind an eine Welt gerichtet, in der Freiheit durch das eigene Verhalten zur Utopie wird, aber eigentlich gar keine Illusion ist.

Ja die Träume sind so unterschiedlich wie die Welten in denen wir Leben.
Arnold Schwarznegger hat Recht. Steve Jobs hat wirklich jeden Tag den kalifornischen Traum gelebt. Nur leider auf Kosten der Träume seiner Arbeiter.

Advertisements