Maria Exner resümiert in ihrem Artikel http://www.zeit.de/lebensart/mode/2011-10/fashion-week-abschluss „So nett, dass einem schlecht wird“ auf der Online-Plattform der Zeit, die Modewochen, indem sie sich fragt, wo die „kleidgewordenen Utopien, in der wir uns in turbulenten Zeiten hoffnungsvoll wickeln können, denn geblieben sind.
Utopien sind wie Träume, in die wir aus dem Alltag der Realität gerne flüchten. Manche Menschen tun dies nur ihr Leben lang.

„Es wird viel Schönes dabei sein: digital verfremdete, modernisierte Blumendrucke, kräftige Farben, schmale Taillen, viel 50-er Jahre-chic. Aber nur wenige Teile werden Dinge in Frage stellen oder gar eine Kundin dazu anregen, ihre Vorstellung von richtig und falsch, von schön und hässlich zu überdenken.“

Dass der Mensch sich mit der Schönheit der Kleidung gerne schmückt und hervorhebt, oder seelische Freiheit genießt, indem er sich auch durch Kleidung frei entfaltet, sind eines der wunderbaren Dinge der Mode. Purer Luxus des freien Menschen.
Doch seit wann beabsichtigt die kommerzielle Mode, die die Welt regiert, etwas zu hinterfragen. Wer hinterfragt, der hinterfragt das System und wer das System hinterfragt, kauft nicht jede Saison ein. Aber dafür ist sie doch gemacht, die Mode, zum Verkaufen. Aber der freie Mensch dieser Gesellschaft, der weder Krieg noch von einem anderen harten Schicksalsschlag getroffen wurde, macht sich seine Langweile, die aus einem zu freien Leben ohne Werte, Sitten, Moral resultiert, zu einem lächerlichen Problem.

Von der Mode kann man nicht lernen, man kann nur ein Stilgefühl, der dem eigenen Ich entspricht, entwickeln, wozu aber auch die permanente Treue sich selbst gegenüber und die Selbstreflexion unverzichtbare Bedingung sind. Lernen kann man nur von der Straße, von den Menschen auf der Straße, nicht vor den inszenierten Holzpuppen, die sich vor den Defilees zur Schau stellen, um sich für wenige Sekunden wie ein Star zu fühlen.
Ich lerne von der Kleidung auf der Straße, ob sich jemand verstecken will oder ob sich jemand anpassen will. Ich lerne von der Kleidung auf der Straße, wie jemand sein Leben gestaltet. Ich lerne die Menschen kennen. Und ein Hauch vom Leben, das sie führen.

Mode ist selten ein Visionär, sondern oftmals ein Nachzug der Realität. Es wird beobachtet, und umgesetzt. Stil der polierten Straßen werden analysiert, um Trends zu prophezeien. Das Schönheitsideal, das von der Mode geformt wird, kann erst frei sein, wenn es auch die Welt ist.
Doch heute ist sie nur noch diskriminierend.
Es ist ein Teufelskreis. Die umsatzfixierten Modemacher schaffen mit Lächeln auf den Lippen ein Schönheitsideal, an denen sich die Menschen orientieren. Selbst die, die nicht an der aktuellen Mode interessiert sind. Denn Menschen der Öffentlichkeit richten sich nach ihnen. Und selbst Werbeplakate entmachten den Menschen in seiner eigenen Meinungsbildung. Mit Kommerz hängt sie zusammen, die Mode von heute, aber noch lang nicht mit Kunst. Nur die wenigstens geben ihre unverdienten Flügel ab, und schweben mit dem Künstlertitel durch die Welt der Medien. Wer von ihnen gibt zu, dass sie als Designer unmittelbar auch Geschäftsmenschen sind?
Doch dass der Begriff Kunst in der Mode viel zu oft verwendet wird, hängt eigentlich nur damit zusammen, dass das Wort rechtlich nicht geschützt ist. Was Kommerz ist, können wir mit gesundem Menschenverstand erkenne, doch Kunst kann alles sein, was dazu deklariert wird. Dass sie aber im Gegensatz zur Mode nicht nur schön, sondern auch in der Tiefe schön zu sein hat, entgeht natürlich all denen, die kein Verständnis für Kunst, und damit auch nicht für das Leben haben, weil sie immer nur die eine Seite sehen.

Doch nicht alle Modemacher sind böse und egoistisch. Es gibt in der Masse immer die, die gegen den Strom schwimmen. Doch nur leider hat die Masse, die das Gewöhnliche verfolgt, weil sie sich einzig allein mit ihr identifiziert, nicht den Revolutionären Menschen im Blick.
Die Modemacher, die etwas verändern und bewegen wollen, werden verschluckt.

Vivienne Westwood ist vielleicht die einzige, in diesem Business, die den Modemarkt zu hinterfragen weiß, und diesen künstlichen Begriff neu zu interpretieren. Noch mehr ist es Miguel Adrover, der im Jahre 2001 etwas völlig Neues erschaffen hat, doch damit genauso schnell fiel, wie er als Jungdesigner hochgelobt wurde. Nach den Anschlägen vom 11.September wollte man die Läden seine Kleidung nicht mehr haben, nachdem er zur Herbst und Winterkollektion 2011/2012 die arabische Kleidungskultur zum Thema seiner Schöpfung machte.
Im Interview mit der Zeit, welches witzigerweise mit der selben Autorin des ersten Zeitartikels, von dem die Rede war, geführt wurde, erklärt Miguel die Idee und die Auswirkungen seiner Kreationen.

„Ich habe davor einige Monate in Ägypten gelebt, zum ersten Mal in einem anderen Land, einer anderen Kultur. Der Alltag der Menschen hat mich sehr berührt. Ich wollte in meiner nächsten Kollektion diese andere Perspektive auf Kleidung zeigen. Ich trug dort immer nur drei verschiedene Sachen, zwei aus Baumwolle, ein Teil aus Wolle. Diese Art, sich anzuziehen, ist unkompliziert und lässt soziale Unterschiede verschwinden, statt sie hervorzuheben. Heute fahren Prominente nach Afrika und lassen sich dort mit hungernden Kindern fotografieren, nur um gute Presse zu bekommen – ich habe versucht, wirklich zu vermitteln. Aber der 11. September hat alles verändert. Weil ich regelmäßig Geld für ein Ferienhaus nach Ägypten schickte, wurde mein Telefon abgehört. Die Menschen fingen an, sich gegenseitig zu misstrauen. New York hat damals seine Toleranz verloren.“

Auf die Frage, wie sich die Mode seit damals verändert hat, antwortet er:

„Mode ist heute klischeehaft, es wird nur Erwartbares gezeigt. Alles muss sich verkaufen, also kommt Kreativität an zweiter Stelle. Früher waren Trends an Subkulturen gebunden, sie sagten etwas über die Gesellschaft – denken Sie nur an Punk! Mode ist heute gleichbedeutend mit Luxusprodukten. Sie ist ein Fenster in eine Welt, in der nur sehr wenige Menschen leben können. Zara und H&M haben Mode zwar verfügbar gemacht, aber sie hat dadurch ihren kreativen Wert verloren, alles ist für ein paar Euro zu haben.“

Investoren haben ihn in Stich gelassen, doch dafür musste die Modewelt einen großen Preis bezahlen. Sie haben mit Miguel Adrover einen Aufklärer und Friedensstifter verloren, und damit den Status der Primitivität erreicht, der ein Recht auf den Titel Kunst endlich untersagt werden sollte.

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