Während meiner persönlichen Studien begegnete ich öfter dem Namen Carl Zuckmayer, dessen Werke immer wieder in der Literaturkritik als Weltliteratur gerühmt werden.
Ich wusste nie, wer dieser Mann war, was er erlebt hatte, wann genau er überhaupt lebte. Was muss dieser Schriftsteller für ein Mensch gewesen sein? Was für Erfahrungen müssen ihn und seine Werke geprägt haben?
Als ich heute zum MMK an den Galerien entlang flanierte, blieb ich vor einem Antiquitätenladen stehen. “Ein Buch ein Euro” stand da auf einem kleinen Zettel zwischen all den in den Schaufenster der Galerien ausgestellten Werke fünfstelliger Summen.
Ich hatte noch genau vier von diesen Münzen. Essen oder Bücher. Die Antwort ist so klar, dass ich mir diese Frage nicht einmal stellen musste. Wer süchtig nach Worten ist, hat irgendwie immer Hunger.
Es war wunderbar, wenn eine so gesunde Droge fast nichts kostete.
Als ich den Titel “Als wärs ein Stück von mir” – Carl Zuckmayer las, hatte ich meine erste Wahl aus dem Bücherstand vor dem Laden schon getroffen.
Ich musste endlich etwas von diesem Manne, von dem jeder in der Literatur sprach, lesen. Nach drei weiteren Büchern war ich auch schon aus dem Laden.

Der Ladenbesitzer rief mir wenige Minuten, nachdem er seinen Laden geschlossen hatte, radelnd zu: Wenn Sie die Tage Zeit haben, kommen Sie doch wieder vorbei. Im Keller haben wir noch weitere 300 Bücher.”

Auf dem Rückweg im Zug blätterte ich in diesen 572 seitigen Erinnerungen, die den Geruch ihrer eigenen Geschichte um mich herum verbreiteten.
Beeindruckt war ich zunächst von dem zehnseitigen Personenregister, indem Nietzsche, Kafka, Dix, Chagall, Mozart, Beethoven Erwähnung finden, um nur einige wenige aufgezählt zu haben.

Das Buch ist elf Jahre vor seinem Tod erschienen. 1966.
Von hinten blätterte ich nach vorne und ich entdeckte, was ich so selten entdecken durfte.
Carl Zuckmeyers Unterschrift. Ob Emmerich oder Schlink. Dieses Mal war es ganz anders. Der Mensch, der dieses Buch signiert hatte, stand bei der Verewigung nicht vor mir. Es musste mindestens 40 Jahre her sein. Die Tinte hat die Farbe der Geschichte angenommen. In der blauen Nuance finden sich gelbliche Verfärbungen.
Ich hatte wahrhaftig für einen Euro etwas in Wahrheit Unbezahlbares ergattert.
Die Zeit ist etwas so unfassbares, man ist ihr machtlos ausgesetzt. Aber wenn ich dieses Buch in meinen Händen halte, dann ist es, als verbinde mich etwas mit ihm. Dieses Produkt ist wie eine Brücke zwischen zwei Menschen aus zwei vollkommen verschiedenen Welten und Zeiten. Es ist das Wunderbare an diesen Büchern, das Wunderbare an dieser Welt. Wenn man vorsichtig mit ihnen umgeht, können sie zu einem Monument der Ewigkeit werden. Man darf sie nur niemals wegwerfen. Man darf Geschichten nicht wegwerfen, wie man Menschen nicht wegwerfen sollte. Man sollte Gegenstände, an denen Geschichten hingen, niemals wie Menschen wegwerfen.

Einen Euro.
Einen einzigen Euro hat es mich gekostet. Ich bin noch immer sprachlos.

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