Nach langem bringe ich einen Brief zur Poststelle. Die Schlange ist lang, aber schon bald wird sie nicht mehr länger Ort des Wartens, sondern des Nachdenkens. Zeit muss verwertet werden. Hinter mir reiht sich eine große Frau mit Kinderwagen ein. Sie hat braune Augen, die in einem blassen Gesicht sitzen, umrahmt von blondem langen Haar. Im Wagen sitzt ein kleines Mädchen, stillschweigend. Sie hat ausdrucksstarke dunkle Augen, die durch braune Bogen verstärkt werden. Einen Brief hält sie in der Hand, sie bemustert ihn und fragt ihre Mutter an wen er gesendet wird.
Es bereitet mir nicht bloßes Vergnügen, sondern eine große Freude, dieses artige hübsche Mädchen zu beobachten, von der ich meine, sie kenne die großen Sorgen der großen Menschen noch nicht. Auch die Dame hinter dieser großen blonden Frau ist ganz fasziniert von den Mandelaugen. Lächelnd beobachten wir also beide dieses kleine Mädchen.

Wenn ich in die unterkühlten Augen der Mutter sehe, sehe ich nichts. Reingarnichts. Sie wirkt sehr ungeduldig und gehässig in diesem Moment. Weder erwidert sie das Lächeln eines Fremden, noch nimmt sie die Ausstrahlung ihres eigenen Kindes wahr. Von der Schönheit des Lebens scheint sie nicht viel zu sehen. Ihre Augen sind offen, ihr Herz ist geschlossen.
Sie reißt ihrer Tochter den Brief aus der Hand, und schreit herum. Sie ist betrübt, nein, ihre Welt geht hinunter, weil der Brief beschädigt ist.

Während die Kleine alles für sich entdecken möchte, was sie zu sehen bekommt, reißt ihre Mutter ihr wieder alles aus der Hand. “Immer machst du, was du willst, Yasmin! Nie hörst du auf mich!”, schreit sie im sächsischen Akzent durch den Raum.

Yasmin wird die deutsche Kälte, die Verlorenheit zwischen zwei Kulturen, der Verlust der Menschen noch große Sorgen bereiten. Diese Verständnislosigkeit. Eines Tages.

Liebe Yasmin, finde dein Glück! Mach was du willst, und gehe deinen eigenen Weg. Und höre niemals auf deine Mutter.

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