Da wir in einer Gesellschaft leben, in der sich der Mensch aussuchen darf, womit er sich beruflich beschäftigen möchte, stehen wir vor einem großen Problem mit der Kritik, das sich in zwei Perioden neu gebildet hat.
Während früher der Arbeiter am Band nur mit ähnlichen Adjektiven wie sein Kollege kritisiert werden konnte, fällt die Kritik heute individuell aus, da das Individuum auch einen individuellen Beruf ausübt.
Konnte der Arbeiter damals nur kritisiert werden, weil er ungenau, unpünktlich oder undiszipliniert war, so ist die Kritik von heute speziell auf den Menschen ausgerichtet, für den die Arbeit meist die Verwirklichung seiner selbst ist.
Was verriet die Arbeit als Kassiererin, als Fließbandarbeiter oder als Schuster schon über die Persönlichkeit eines Menschen? Im Grunde genommen nichts.
Gehen wir zunächst vom Stereotypen aus. Arbeitet heute einer bei ProSieben für diverse Unterhaltungssendungen, können wir meinen, er sei ein oberflächlicher Mensch, da er sich von morgens bis abends mit Themen der Boulevardpresse auseinandersetzt – auf eigene Wahl.
Entscheidet sich ein anderer hingegen für ein Studium der Wirtschaft, kann daraus geschlossen werden, dass der Mensch sich durch die Abstraktion vom Menschen selbst befremdet. Die Auseinandersetzung mit Zahlen führt nicht nur zum Verlust einer Beziehung zwischen Mensch und Gefühl, sondern impliziert, dass der Mensch sich Geld als oberste Priorität erschaffen hat.
Letztlich ist ganz ersichtlich, dass übermäßiges Geld als Priorität in dieser Gesellschaft stark vertreten ist. Natürlich sagt der Beruf nichts darüber aus, ob der Mensch im Gesamten gut oder schlecht ist. Dass man das auch in einem Satz formulieren kann, sei dahin gestellt. Doch der Beruf verrät über den Menschen, wie er die Welt sieht, und welche Werte für ihn als wichtig empfunden werden.

Das Urteil über die Berufung des Menschen kann natürlich im Falle des Exoten in seinem Fachgebiet auch in die Irre treiben. Der Kunstmensch, der nach Schönheit und Tiefe strebt, schmückt sich gerne immer wieder mit dem umfangreichen Begriff der Kunst, der Intellekt suggeriert, den Sinn der Kunst aber lange nicht verstanden hat. Doch von dieser Sorte Mensch, die übrigens in jeder Berufung zu finden ist, gehen wir nicht aus.

Ist in erster Periode der Kritik der Mensch individuell zu bewerten, folgt in der zweiten Periode, dass der Mensch als solches mit seiner Lebensführung und seinem Weltverständnis völlig abzulehnen ist oder völlige Zustimmung und Sympathie findet.
Kritisiert man heute die Arbeit eines Menschen, kritisiert man seine gesamte Persönlichkeit und sein Weltbild.
Der Vorteil einer Auswahlgesellschaft ist demnach aber auch, dass wir uns die Menschen aussuchen können, mit denen wir verkehren.

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