Es war eines dieser heißen Sommertage, doch weder war er gewollt noch ungewollt anders als die üblichen. Ich spürte, dass etwas Sonderbares in ihm lag. Es war die Bestimmung des Tages, anders zu sein, wie es des Andersartigen nur eine Bestimmung sein konnte.
Vergessene Schönheiten, die das Leben lebenswert machten, wurden in Form von Erinnerungen hervorgerufen, wurden wieder lebhaft. Vielleicht war es das, vielleicht aber auch mehr.
Denn ich hatte längst vergessen, wie belebt ausgetrocknete Straßen eines einfachen Dorfes in Anatolien sein konnten, das kaum einer kannte, doch jedem Menschen, der in diesem Dorf aufgewachsen war, eine glückliche Kindheit beschert hatte. Es war nicht meine Kindheit, sondern die einer Generation, der man das Versprechen gab, mit den einfachen Dingen des Lebens glücklich werden zu können, ohne dieses zu brechen. Man konnte einfach leben und doch der reichste Mensch auf Erden sein. Es war und wird niemals eine Lüge sein. Dieses Dorf war fernab der medialen Welt, und gleichzeitig war es der Punkt des Geschehens, des Lebens. Es war eines dieser Dörfer, das existierte, um an das absolute Leben in der Schönheit der Natur zurück zu besinnen. Blickte man aus dem Fenster, wirkten gewaltige Berge wie gemalt im Rahmen der Aussicht. Als könne der Künstler nicht genug von blauer Farbe bekommen, so durchbrach nicht eine Wolke die Grenzenlosigkeit, die man genoss, wenn man nur den Kopf kippte. Nur ein runder gelber Farbklecks ließ den Himmel mit seiner Aura aufleuchten. Heilig und unberührt war sie, die Göttin. Durch alle Äste hindurch, streckte sie ihre unzähligen Arme aus und ließ jedes Blatt vergolden, sobald es damit in Berührung kam. Die Luft schmeckte so rein und veredelt, dass ich sie in Gefäßen schnappen und mitnehmen wollte. Hier konnte man dem Gesang der Vögel lauschen. Wenn ich ihnen so zuhörte, fragte ich mich, warum Menschen nicht häufiger sangen. Der, der es unangekündigt ohne Erlaubnis tat, wurde für normabweichend erklärt und zum Schweigen gezwungen.
Das Vogelgezwitscher hielt den ganzen Tag an und wurde höchstens von spielenden Kindern übertönt, die vor Hitze in ein kleines Betonbecken mit erfrischendem Wasser aus dem Berge voll mit Ala Fischen hinein sprangen. Im Hintergrund machten sich Hähne abwechselnd seit frühem Morgen bemerkbar und aus dem Grammophon ertönte „Allahu Akber“ aus der Sure, vielleicht die einzigen Zeilen, die man in einem alevitischen Dorf verinnerlicht hatte, während man den Rest überhörte. Doch schmolzen diese Hintergrundelemente des Lebens zusammen und wurden dabei zu einem eigenen Lied mit dem Interpreten des kunstvollen Menschen in der Natur. Die wahre Triebfeder war hier eben doch die Natur, die sich von Liebe und Zuwendung ernähren ließ, wofür mit Schönheit und Gesundheit gedankt wurde. Und selbst glasklares Wasser schmeckte in der Sonne wie flüssiger Diamant.

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