Nie durfte ich den Menschen kennenlernen, der vor vielen Jahren die Entscheidung traf, in das Land zu immigrieren, dass ich als meine Heimat bezeichnete, die er selbst aber nie als solche sehen sollte. Mein Vater erzählte mir nicht oft von meinem Großvater. Weil er einer dieser Menschen war, die oftmals schwiegen, wenn sie bewunderten. Es war immer, als wolle er nicht in Worte fassen, was er für ihn empfand. Nicht, weil er es nicht konnte, sondern weil Worte nicht genügten.
Als mein Großvater von seinem Bruder die Einladung bekam, nach Deutschland als Gastarbeiter anzureisen, kam er jeden Tag mit einer Packung Biskuit nach Hause, die mein Vater ihm als kleiner Junge immer stahl, weil er Süßes so sehr liebte. Wie mir mein Vater das vor einigen Jahren erzählte, lachte er über das, was er damals tat, mit Tränen in den Augen.
Sein Vater habe sich in Istanbul als Maurer einschreiben müssen, um die freie Arbeitsstelle in einem kleinen Dorf in Hessen annehmen zu können. Er war Landwirt, was verstand er schon davon, eine Mauer zu erstellen, sagte mein Vater.
Jeden Abend kam er also mit dünnen Keksen, die er aufeinander stapelte, um den Beruf des Maurers zu erlernen. Mein Vater führte die Bewegung wenige Zentimeter über dem Tisch mit gespreizten Daumen und Zeigefinger aus. Dieses Bild ist eines dieser Erinnerungen, die er niemals vergessen werde, wie er mir verriet. Mit einem einzigen Koffer in der Hand ließ er seine alte Welt zurück, um in die neue einzubrechen getrieben von Geldsorgen, die so groß waren, dass er seine Familie nicht mitnehmen konnte. In Deutschland angekommen schuf er von morgens bis abends. Wenn ich den Onkel meines Vaters fragte, was er für ein Mensch gewesen sein musste, wie er die neue Welt erlebte, antwortete er stets nur „Woher soll ich das wissen? Dein Großvater hat von morgens bis abends gearbeitet.“ Nach und nach kamen seine Frau und seine Kinder. Das alte Haus im Dorf wurde verkauft, und damit wurde die Rückkehr zu einem Traum, der sich nie erfüllen sollte.
Sie verließen dieses schöne Land mit dem weiten Meer, den herzlichen Menschen, der ewigen Sonne. Wenn ich hier nochmals die Menschen sah, verstand ich endlich, weshalb manche zurück gekehrt waren, des Geldes wegen ihr glückliches Leben nicht aufgeben wollten.
Als gar der Tag kam, an dem er im Mercedes durch die deutschen geraden asphaltierten Straßen fuhr, ja da schnaufte er noch immer. Innere Ruhe schien eine Utopie zu sein. Zufrieden war er schon lange nicht mehr. Er sehnte sich so sehr nach der Ferne, weil er in seiner neuen Welt nichts fand, was ihn erfüllte. Süchtig wurde er nach allem, was er mit dem Gefühl der Heimat ersetzen zu können glaubte. Nichts als Geld stellte sich für ihn als Glücksversprechen dar, und um dieses so hohe Ziel der Menschheit zu erreichen, konnte und konnte er nicht aufhören zu arbeiten. Eines Tages wollte sich die Familie ein größeres Haus im Dorf leisten. Doch die Bedürfnisse wuchsen in der neuen Gesellschaft. Nichts reichte mehr, kein Geld der Welt war genug.

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